Chronik von Winnau

Versuch der Rekonstruktion der Geschichte des Dorfes und der Wüstung Winden (heute Winnau)

Das erste Zeugnis für die Existenz des Dorfes Winden (auch Wehnau, Winnau) bildet eine Urkunde aus dem Jahr 1354, die im Staatsarchiv Wiesbaden aufgehoben wird. Im Pfarrarchiv von Lahr (Landkreis Limburg-Weilburg) befindet sich ein altes Heft mit vergilbten Blättern, in das vor bald vierhundert Jahren der Umfang dieses Kirchenspieles eingetragen wurde. Dieses Pfarrregister, welches eine der ältesten Urkunden darstellt, beginnt 1576. Es wurde von dem damaligen protestantischen Pfarrer Eberhard Artopäus angelegt. Anlass dazu war der Religionswechsel in der Reformationszeit gewesen. In diesem Pfarr-Register heißt es:

".. zu wissen, daß vor Zeiten in diese Pastorey gehert haben 4. Wehnaw ...... Diese Dörffer und Kyrchen sind nun alle theils verstört vnd vmkomen, zum theil verfallen vnd in andere hände komen."      

Diese Stelle aus dem Pfarr-Register besagt deutlich. dass das Dorf Winnau bereits vor 1576 „ausgegangen“ sein muss, wahrscheinlich durch die im Sprengel Mengerskirchen wütende Pest. Hiermit wird eindeutig die Behauptung widerlegt, das Dorf sei durch den 30-jährigen Krieg ausgelöscht worden.

Aus einer Aufzeichnung eines anderen protestantischen Pfarrers von Lahr, Jodocus Schütz, geht hervor, dass zu seinem Amt die Dörfer Lahr, Hintermeilingen, Ellar, Hausen, Fussingen und Waldernbach gehörten. Schütz erzählt, dass diese Filialgemeinden eigene Kapellen besitzen, in denen er zu gewissen Zeiten Gottesdienst hält. Dafür geben diese Kapellengemeinden .regelmäßige Abgaben, die in diesem Heft genau registriert sind. Bis 1552 gehörte auch die Kirche "unter Merenberg", die Appen- oder Jakobskirche, als Pfarrvikarie zu Lahr, ebenso die Kirche zwischen Waldernbach und Mengerskirchen an den 1452 aufgestauten Seeweiher. Hier hat auch das ausge­gangene Dorf Wehnau (auch Winnau, Winnen und Winden) gelegen, von dessen Feldbesitz an die Pfarrei „Zehnten“ gezahlt wurden. Seit dem 14. Jahrhundert erscheint das Dorf in Urkunden, und erst 1850 erfolgt die Ablösung dieses der Pfarrei gehörigen Zehnten durch die Gemeinde Mengerskirchen. Heute noch werden die Quellen des ausgegangenen Ortes benutzt. Die Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Mengerskirchen berichtet, dass die "wichtigste Wasserversorgung für Brandfälle der Waschweiher am heutigen Spielplatz war, der von den Quellen der Höhenzüge Knoten und Winnauerberg gespeist wurde".  

Interessant ist sicherlich noch, wie die Pfarrei Lahr zu dem Landbesitz kam, auf dem heute das Jugendheim errichtet ist. Die Lahrer Pfarrchronik berichtet von den letzten Frauen von Winnau, die nach einer großen Pestepidemie, die im Sprengel Mengerskirchen wütete, als letzte Einwohner des Ortes in die umliegenden Dörfer auswanderten. Viele ließen sich im Schutz des befestigten Marktfleckens Mengerskirchen nieder, nur zwei Frauen, die noch Angehörige in Lahr hatten, wanderten nach Lahr aus. Diese beiden Frauen vermachten ihren Landbesitz in Winnau der Pfarrkirche zu Lahr als Stiftung für Messen, wie es zu der damaliger Zeit üblich war.   


Auszug aus der Geschichte des Ortes und der Pfarrei Lahr

Das Pfarrdorf Lahr, 10 km westlich von Weilburg und 15 km nördlich von Limburg, gehört mit seinem ehemals großen Kirchenspiel zu den ältesten Kirchenspielen weit und breit. In seiner Nachbarschaft war 879 ein Stift des Hl. Severus in Gemünden entstanden, mit dem Lahr jahrhundertelang einen innigen Kontakt hatte. So wie in den benachbarten Kirchenspielen Niederzeuzheim und Frickhofen für das 8./9. Jahrhundert mit größter Wahrscheinlichkeit Eigenkirchen vermutet werden dürfen, so kann man das auch für Lahr annehmen, zumal die Grenzen dieser Kirchenspiele sich an der Süd- und Ostseite des Bifangs (Rodung) von Gemünden von Anfang an abzeichneten. Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes Lahr ("LARE im Lahngau") kommt schon in einer Schenkungsurkunde vom 10. Juni 782 an das Kloster Lorsch (Bergstraße) vor. Lahr gehörte in fränkischer Zeit zum Niederlahngau, und zwar zur "Grafschaft Diez" Die Gaue waren in Cente eingeteilt. So begegnet uns Lahr immer wieder im Zusammenhang mit den "Vier Centen" und der "Herrschaft Ellar". Zu den vier Centen gehören: Elsoff, Bießberg (Frickhofen), Niederzeuzheim und die Cente Lahr mit den Orten Ellar Hausen, Fussingen, Hintermeilingen, Waldernbach und den früheren Orten Oberndorf, Wehnaue, Oberlahr, Bordelbach, Breitenbach und Gralshofen. Die Herren von Molsberg hatten um 1268 eine Vogtei und ein besonderes Vogtsrecht in Lahr. Urkundlich ist Lahr bereits 1268 als eigene Pfarrei erwähnt. Den Kirchensatz hatte Runkel und überließ ihn 1581 Nassau. Das Alter der hiesigen Kirche kann nicht mit Bestimmtheit angegeben werden; sie wurde im spätromanischen Baustil als Pfeilerbasilika erbaut und diente mit ihren trutzigen Mauern in früheren Zeiten als Wehrkirche.

 


Die Sage vom Geist von Winnau

Zu der Zeit, als Winnau noch bewohnt war, lebten in einem großen Gehöft eine reiche und angesehene Familie. Der Vater war Bürgermeister und ein wilder und jähzorniger Mensch. Sein einziger Sohn hatte den Jähzorn und die Wildheit von seinem Vater geerbt. Dieser Sohn besaß nun einen schönen und starken Wolfshund, der in seiner ganzen Art und in seinem Aussehen mehr einem wilden Wolf als einem Hofhund glich.

 

An einem stürmischen und regnerischen Abend im Spätherbst geschah es nun, dass eine Magd, die das Federvieh gefüttert hatte, vergaß, die Türe zum Stall zu schließen. Der Hund der den Hof bewachte, witterte den Geruch des Geflügels. Da brach in ihn der alte Raubinstinkt wieder aus und er drang in den Stall ein und riss die Tiere. Der Vater hörte im Haus den Lärm und das Geschrei der Hühner und Gänse. Er glaubt, dass wilde Diebeshorden die zu der damaligen Zeit die Gegend verunsicherten, in den Stall ein­gedrungen seien. Er bewaffnete sich mit einer Axt und stürzte in den Stall, um den Räubern den Garaus zu machen. Als er sah, dass der Hund seines Sohnes fast den gesamten Federviehbestand zerrissen hatte, überfiel ihn eine große Wut. Er holte aus und spaltete dem tobenden Hund mit einem kräftigen Axtschlag den Kopf. Inzwischen war der Sohn Mano mit seinem Pferd von einer Gerichtssitzung, die der Landesherr in seiner nahen Burg abgehalten hatte, auf den Hof zurückgekommen. Von dem Lärm und dem Geschrei im Stall angelockt, trat Mano gerade in dem Augenblick ein, als sein Vater den Hund erschlug. Den Sohn überfiel seine Wildheit und sein Jähzorn und er begann heftig mit dem Vater zu streiten Der Streit wurde immer heftiger und schließlich begannen die beiden Männer miteinander zu ringen. Im Lauf dieses Kampfes griff der Sohn nach der Axt, mit der sein Vater den Hund erschlagen hatte, und hieb dem Vater damit so heftig auf den Kopf, dass dieser tot hinstürzte.

 

Als die Mutter in den Stall kam, um nachzusehen, wo ihr Mann so lange bliebe, sah sie ihn in seinem Blute liegen und den Sohn noch mit der erhobenen Axt in der Hand daneben stehen. Sie schrie laut auf und verfluchte ihren Sohn, dass er niemals Ruhe finden solle, auch nach seinem Tode nicht. Sie geiferte und schrie immer wilder, bis sie, von einem Schlag getroffen, tot niederstürzte. Der Sohn floh noch in der gleichen Nacht und wurde nicht mehr gesehen. Der Hof war ohne Erben und verfiel immer mehr. Nach einiger Zeit bemerkten die Dorfbewohner, dass auf dem verlassenen Gehöft nicht alles mit rechten Dingen zuging. Dorfbewohner, die zufällig des Nachts an dem Hof vorbeigingen, hörten ein Stöhnen und Seufzen aus dem verlassenen Gebäude. Kamen sie jedoch näher an das Haus heran, so verstummten die Geräusche und es trat eine unheimliche Stille ein. Ein älterer Mann, der gegen 23 Uhr von dem Lahrer Markt heimkam, und dessen Weg an dem zerfallenen Gehöft vorbeiführte, sah eine schimmernde weiße Gestalt, die langsam und in gebückter Stellung, gerade, als ob sie etwas suche, durch die zerbrochenen Mauern streifte. Als der Mann die Gestalt ansprechen wollte, war sie plötzlich verschwunden. Während der Mann noch dastand, und über die seltsame Erscheinung nachdachte, hörte er plötzlich hinter sich tapsende Schritte, als ob ein Mann, der schon sehr unsicher auf den Beinen stand, sich auf ihn zu bewegte. Schnell drehte sich der Bauer um, um zu sehen, wer zu dieser späten Stunde noch unterwegs sei. Zu seinem Erstaunen sah er aber niemand, obwohl er deutlich noch immer die Schritte auf sich zukommen hörte. Erschrocken schlug der Bauer ein Kreuzzeichen, und obwohl er sonst ein tapferer und beherzter Mann war, überfiel ihn doch jetzt ein Grauen. Zitternd lehnte er sich gegen einen alten Eichbaum und spähte angestrengt in die mondhelle Nacht. Immer näher kamen die Schritte auf ihn zu. Plötzlich stockten sie gerade vor dem zitternden Mann. Er fühlte wie ein eiskalter Windhauch ihn streifte, so als ob jemand in einer kalten Nacht an ihm vorübergegangen wäre. Ebenso plötzlich, wie die Schritte vor ihm verstummt waren, begannen sie auf einmal wieder gerade hinter ihm, als wäre jemand durch ihn hindurchgegangen. Voller Schrecken lief der Mann von der schrecklichen Stelle in das Dorf und rief einige Dorfbewohner zusammen. Gemeinsam untersuchten sie den unheimlichen Ort. Doch auch die genaueste Untersuchung war erfolglos. Sie fanden nichts, nicht einmal einen zerbrochenen Zweig oder einen Fußabdruck.

 

Wie die alte Geschichte weiter berichtet, soll diese Stelle, an der der grausame Mord geschah, in unmittelbarer Nähe des Jugendheimes liegen. Und seltsamerweise haben schon viele Gruppen, die das Heim besuchten und nichts von der alten Geschichte wussten, von seltsamen Schritten am Waldrand, vornehmlich in der Gegend eines Eichbaumes berichtet. Obwohl einige Erwachsene den Ort mit Taschenlampen absuchten, da sie einen Überfall vermuteten, zeigte sich nicht der geringste Hinweis darauf, dass hier irgend jemand gegangen sei. Selbst der Einsatz von Stolperdrähten und Fotoapparaten blieb erfolglos. Meist wurden die seltsamen Geräusche in halbdunklen Nächten, besonders im Spätherbst, etwa um Mitternacht herum, festgestellt. Es steht nicht fest, was an der alten Geschichte Wahres oder Unwahres ist. Fest steht auf jeden Fall aber, dass es heute noch viele Erscheinungen gibt, die mit den herkömmlichen Mitteln der Wissenschaft noch nicht erklärt werden können. Zu diesen Erscheinungen zählt wohl auch der Geist von Winnau.


 

 


 

 

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Quellen:

 

Zeitschrift der Kath. Jugend Lahr, Bearbeitung: Karl-Heinz Diehl

Festschrift der Kirchengemeinde „Johannes der Täufer“ Lahr

Festschrift, Chorgemeinschaft Lahr

Festschrift Freiwillige Feuerwehr Mengerskirchen

Urkunde von 1354 im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 170.

(„Territorialgeschichte des Oberlahnkreises“),

mündliche Überlieferung von Pfarrer Reitz, Lahr

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