An der "Heilig-Kreuz-Kirche" bei Arborn

Wenn man heute die neue Umgehungsstraße von Arborn nach Mengerskirchen wandert, erreicht man bald auf der Höhe, an der Gemarkungsgrenze der beiden Orte, eine verwitterte Felsengruppe. Im Volksmund heißt dieser Steinhaufen "Klipp".  Wer vermutet schon, dass es sich vor etwa 500 Jahren am Tag der Kreuzerhebung, dem 14. September, um diese "Klipp" ein geschäftiges Leben und Treiben abgespielt hat! Wir befinden uns auf einem historischen Fleckchen Heimaterde.

Der Beilsteiner Graf Heinrich IV., der in den Diensten des Kaisers Friedrich III. stand, hatte es erreicht, dass er ein seiner Stadt Mengerskirchen oder in der Umgebung einen Jahrmarkt abhalten durfte. Das gestattete ihm eine Urkunde vom 4. Januar 1481. Der Kaiser konnte ohne  weiteres solche Jahrmärkte gewähren, weil die privilegierten Jahrmärkte nicht an das Stadtrecht gebunden waren. Dem Beilsteiner Grafen wurde nur zur Auflage gemacht, dass sein Markt zwei Meilen um Mengerskirchen keinem anderen bestehenden Markt "Abtrag" tun dürfe. Allen Bauern und Kaufleuten, die auf dem neu eingerichteten Markt Handel treiben wollten, wurde das Recht auf Freiheit, freies Geleit usw. zugesichert. Das entsprach auch den alten Gewohnheiten. Der Kaiser schützte so in besonderem Maße die Märkte, die von ihm mit besonderer Genehmigung eingerichtet worden waren. Dieser Markt in Mengerskirchen bestand noch bis in unser Jahrhundert fort. Der Jahrmarkt wurde auf die Rasenfläche vor die "Klipp" und die "Heilig-Kreuz-Kirche" gelegt. Er entwickelt sich für die Grafen von Beilstein zu einem recht bedeutenden Markt. Kurz vor Ausbruch des alles vernichtenden Dreißigjährigen Krieges wurde er in die Stadt Mengerskirchen verlegt. Der vor der Rasenfläche der "Klipp" gelegene Markt wird in allen Schriftstücken immer wieder als "Markt bei dem heiligen Kreuz" genannt. Hier trafen sich in jeden Jahr die Westerwälder Bauern am 13., 14. und 15. September mit ihren Erzeugnissen. Stolz erschienen sie in Waffen, mit dem Weidner und der Axt. Große Rinder- und Schafherden grasten auf den Rasenflächen der Umgebung der "Klipp".  

Handwerker erschienen mit Pflug- und Wagenrädern, Messern, Äxten und anderen Erzeugnissen ihres Fleißes, mit denen sie ein paar "Albus" oder sogar "Gulden" verdienen wollten. Wie wir aus alten Marktberichten und Marktgerichtsakten wissen, fehlten natürlich auch nicht die Leute des fahrenden Volkes: Pillenverkäufer, Glückshäfner, Reliquienverkäufer, Betrüger und andere. Sie versuchten hier, die leichtgläubigen Leute des Westerwaldes um ein paar "Weißpfennige" zu erleichtern.

Abgeschlossene Käufe wurden mit einem kräftigen Trunk Wein oder Branntwein besiegelt. Streitigkeiten, hervorgerufen durch Kaufverhandlungen und den Alkohol, waren an der Tagesordnung. Sie wurden nach Westerwälder Volksart scharf und heftig ausgetragen. Deshalb war es auch vonnöten, dass der Schultheiß mit seinen Schöffen immer zur Stelle war. Leichte Fälle verhandelte er sofort an Ort und Stelle; schwere Vergehen, wie Totschlag (das kam oft vor) wurden am Hof zu Beilstein verhandelt.

In unmittelbarer Nähe des Marktes stand vor Jahrhunderten die "Heiligkreuzkirche". Von der Höhe aus grüßte sie hinunter zu den Siedlungen ins Kallenbachtal und nach "Almenrode". Tag für Tag hatten die Hübner und Siedler beim Verrichten ihrer harten Feld- und Rodungsarbeit das Kirchlein vor Augen als Siegerin über die Götter ihrer Ahnen. Das Kreuz mahnte sie stets an den alleinigen Herrn, und von den Heiligen erbaten sie Schutz vor vielerlei Gefahren, denen sie täglich ausgesetzt waren. Wenn sie Rat und Beistand brauchten, wandten sie sich an die Priester, die ihnen in dem Kirchlein die Heilige Messe lasen und für sie beteten. An der Südseite der heute vom Rasen überwachsenen Reste eines Podiums steht eine große Linde. Ihr mächtiges Blätterdach spendet dem Erlöser, der sich auf einem vor dem Stamm stehenden Kreuz befindet, wohltuenden Schatten.  Mundartlich heißt der Baum und seine unmittelbare Umgebung heute in Arborn "Der dicke Baam" oder "Kreuzkirch" oder "aalt Kerch". 

Der steil aus dem Tal des Kallenbach von Arborn kommende, geradlinig zur Höhe leitende Weg hieß früher  "Hellkreuzweg", heute hört man diesen Namen fast nicht mehr. Dieser Weg wurde später ausgebaut, wechselte vor dem "dicke Baam" nach Westen führend seine Richtung und führte nach Mengerskirchen unmittelbar an der "Kreuzkirche" und an der Rasenfläche des Marktes vorbei. Oft werden ihn die Herren von Beilstein benutzt haben, wenn sie nach Mengerskirchen ritten. Aber auch manch einsamer Wanderer von diesseits oder jenseits der Höhe, wird sich ängstlich hinter Hecken und Büschen am Wald versteckt haben, wenn Hufschlag sich näherte, ohne dass er wusste, welche Leute Pferde ihn verursachten.

Rechtwinklig zu diesem alten Weg über die Höhe führend, entwickelte sich die Gemarkungsgrenze zwischen Arborn und Mengerskirchen, die gleichzeitig Kreisgrenze zwischen dem Dillkreis und dem Oberlahnkreis ist.  Das Gemäuer der "Heilig-Kreuz-Kirche" befindet sich heute auf Arborner Grund und Boden; der "Dicke Baam" dagegen liegt auf Mengerskirchener Seite.

Über die Entstehung und den Untergang der "Heiligkreuzkirche" wissen wir heute kaum mehr, als dass sie vorhanden war. Man vermutet, dass während der Zeit, als das Christentum Eingang in den Westerwald gefunden hat, das Kirchlein entstanden sein könnte. Leonhard Hörpel, der verdienstvolle Heimatforscher des Knotengebietes, versucht die Entstehung zu sichern.  Er nimmt an, "dass die Glaubensboten ihr Holzkirchlein gern auf germanischen Kultstätten errichteten, um so dem Volke den Sieg des Gekreuzigten über Wotan sinnfällig zu machen." Nach seiner Ansicht spielten auch die benachbarten Kuppen "Heidenhöhe", "Calenberg" und "Zimberg" eine nicht unerhebliche Rolle, weil solches Zusammenstehen von Höhen tief in der Mystik  des germanischen Götterglaubens wurzelte. Die ganzen Vermutungen sind aber durch nichts zu beweisen. Eins steht aber fest: "Das Kirchlein stand  unmittelbar am Wege von "Gehoffte" nach der ersten Siedlung auf Mengerskirchener Boden. "Gehoffte" ist als erste ursprünglichste größere Siedlung neben den Huben in der Gemarkung Arborn anzusprechen. 

Heute heißt dieser Gemarkungsteil "Kowert Wies". Es ist kaum zu glauben aber die Tatsache, dass keine ausgebaute Straßenverbindung zwischen Arborn und Mengerskirchen bis Ende 1925 bestand. Jede der beiden Gemeinden hatten ihre Straße nur bis zur Gemarkungsgrenze, die auch gleichzeitig Kreisgrenze war, so hingeführt, dass zwischen den beiden Straßenendpunkten entlang der Grenze eine unausgebaute Lücke klaffte. Um den Ausbau dieser rund 300 Meter wurde jahrelang gerungen. Verhandlungen zwischen Dillkreis und Oberlahnkreis scheiterten an der Kostenfrage. Schließlich entschloss sich der Dillkreis im Frühjahr 1926, das fehlende Straßenstück auszubauen. Vor der "Heiligkreuzkirche" wurde nun parallel zur Gemarkungsgrenze die Straße dem Mengerskirchener Straßenendpunkt zugeführt.

 

Während dieses Straßenbaues erinnerte man sich auch der alten Kirchenruine. Die alten, vom Rasen überwucherten Grundmauern konnte man abbrechen und die Basaltsteine für das Gestück verwenden. Als man den nördlichsten Mauerteil angehackt hatte, förderte man einen ungewöhnlichen Fund zutage: ein Skelett. Dazwischen lagen verrostete Nägel und Eisenteile verstreut. Was bedeutete dieser Fund? Leonhard Hörpel, der damalige Lehrer in Arborn, schloss auf eine ordnungsgemäße Bestattung. Er forschte alsdann im ältesten Kirchenbuch des Kirchspiels Nenderoth-Arborn gehörte schon immer als Filialort zu Nenderoth- und fand seine Vermutung bestätigt. 1602 war dieses Kirchenbuch angelegt worden. Unter der Jahreszahl 1613  wurde wieder einmal die alte "Heiligkreuzkirche", die damals schon Ruine war, erwähnt.

Die zweite Seite des Sterberegisters von 1613 beginnt so: "Auf heut dato den 17. Martij die pest Zu Arborn angeschlag in Henches christges Haus Und gestorben wie folgt". Es folgen für das Jahr 1613 nun 39 Namen aus Arborn. Der auf dieser Seite zuerst aufgeschriebene Verstorbene wurde auf dem Kirchspielfriedhof in Nenderoth beerdigt. Die nächsten namentlich aufgeführten Toten erhielten, wie eine Randnotiz des Kirchenbuches aussagt, ihre letzte Ruhe im Schiff der Ruine der "alten Kirche aufm berg", "die anderen sind auf dem Bühel begraben worden". Schreiber dieser Eintragungen war der damalige Nenderöther Pfarrer Jakob Knöll, ein gebürtiger Dillenburger, der von 1602 bis 1606 Schulmeister in Mengerskirchen und und von 1606 bis 1615 Pfarrer in Nenderoth war. Das Rätsel um den Skelettfund war damit gelöst; die Abbrucharbeiten an der Mauer der Kirchenruine wurden aus Gründen der Pietät eingestellt.

Unsere Vorfahren bestatteten ihre Toten normalerweise auf dem Kirchspielfriedhof, der in der Regel bei der Kirche lag. So mussten die Arborner ihre Toten auf dem etwa zwei Kilometer entfernten Friedhof an der Kirche in Nenderoth begraben. Eine Ausnahme bildeten Seuchen. Die Angst um den schwarzen Tod, wie man die Pest auch nannte, war besonders groß. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, wie viele Pestjahre es gab und wie viele Einwohner unserer Dörfer der Pest zum Opfer fielen. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass sich aus Angst um den schwarzen Tod ein Mythos im Volksbewusstsein bildete, der in vielerlei Gestalten zum Aberglauben hinführte. 

Um ein Verschleppen der der gefährlichen Seuche in andere Orte zu vermeiden, mussten die Leute aufgrund der Dillenburger Pestordnung aus dem Jahre 1597 in den Filialorten Sammelfriedhöfe anlegen. So wurden die Arborner Pesttoten von 1613 auf zwei Sammelfriedhöfen bestattet. Beide Stellen waren gut gewählt. Der Bestattungsort an der "Heilig-Kreuz-Kirche" war grundwasserfrei: der auf dem "Bühel" führte alle Wasser der Siedlung vom Dorfe weg, hin zum Kallenbach. Auch in religiöser Hinsicht bot sich die Kirchenruine als idealer Beerdigungsort an. Der Platz, zu dem Jahrhunderte vorher die Menschen hinzogen um  zu beten, wo sie während der Markttage im 15. und 16. Jahrhundert die Heiligen um "Erfolg" anflehten und ihnen nach einem erfolgreichen Markt Dankgebete sprachen, erschien den im Pestjahr 1613 schwer geprüften Arbornern würdig genug zu sein, ihren der furchtbaren Krankheit zum Opfer gefallenen Mitbewohnern eine letzte Ruhestätte zu geben. Sie lagen trotz allem bei der Kirche, in der Obhut der Heiligen.

Der Sammelfriedhof auf dem "Bühel" wurde bis heute noch nicht entdeckt. Unsere 1938 erbaute Schule steht mitten in der "Beuleck", wie die Leute heute sagen. Wird man eines Tages auch hier durch einen Zufall den Ort der Sammelbestattungen des Pestjahres 1613 finden?

Eines spürt man noch heute, wenn in Arborn die Rede auf die "Heiligkreuzkirche" gebracht wird: Sie nimmt einen besonderen Platz in der Geschichte des Dorfes ein; das verfallene Gemäuer ist von einem mythischen Hauch umgeben. Man fühlt, dass die in der Kirchenruine beerdigten Vorfahren des Dorfes sich durch die von Hecken und Rasen überwucherten  Grundmauern und durch den "dicke Baam" der heutigen Generation in Erinnerung rufen lassen wollen. Noch nach Jahrhunderten wirkt das Geschehen um die "Heilig-Kreuz-Kirche", das von Generation zu Generation mündlich überliefert wurde, auf die Arborner ein und lässt sie mit hineingewoben sein in ein Stück Heimatgeschichte.

K. Engelmann

 


Quellen und Literatur:

1. Ältestes Kirchenbuch der Kirche in Nenderoth

2. Nass. Annalen, Band 73 W.H. Struck "Von den Jahrmärkten auf dem Westerwald in alter Zeit", 

3. Leonhard Hörpel "Westerwälder Pestfriedhöfe"